Die Kunst des negativen Denkens!

Im Laufe der Evolution hat der Mensch die Fähigkeit entwickelt, potenziell gefährliche Objekte sehr viel schneller wahrzunehmen als ungefährliche. Diese Eigenschaft hat unter anderem auch dazu beigetragen, das Überleben des Menschen zu sichern.

Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass das Wahrnehmungsvermögen des Menschen so eingestellt ist, dass seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf potenziell gefährliche Reize ausgerichtet ist.

 

Der Fehler – die neue Gefahr?

Im Laufe der Zeit hat sich diese Fähigkeit in den industriellen Kulturen weiterentwickelt. Da es in unserer Zivilisation keine wirklich lebensbedrohlichen Gefahren mehr gibt, wird nach anderen störenden Reizen Ausschau gehalten. Der Rechtschreibfehler in einer fremden E-Mail oder in einem Brief springt uns förmlich an. Die Laufmasche, die runtergelaufenen Schuhe zu einem maßgeschneiderten Anzug oder der Fleck auf dem Hemdkragen sind häufig das, was wir heute bei unserem Gegenüber als allererstes wahrnehmen und als Makel oder als störend empfinden.

 

Negatives Denken nutzen

Wir sind Experten darin, das Fehlerhafte wahrzunehmen. Was spricht also dagegen, diese Expertise sinnvoll einzusetzen? Zum Beispiel zur Sammlung von Ideen in einem Workshop oder Meeting. Im Folgenden möchte ich Ihnen eine etwas ungewöhnliche Methode zur Gewinnung von Ideen an einem praktischen Beispiel vorstellen.

Die Kunst des negativen Denkens zur Gewinnung von neuen Ideen

Einige Grundregeln:

  1. Unterlassen Sie Kritik. Die eingebrachten Ideen werden weder kommentiert noch kritisiert.
  2. Vergessen Sie Hierarchien. Alle Beteiligten sind absolut gleichberechtigt.
  3. Die Masse macht’s. Es gibt keine schlechten Ideen. In einer Vielzahl von Ideen sind die guten automatisch enthalten.

 

Aufgabenstellung

Der Geschäftsführer eines IT-Beratungsunternehmen bat mich um Unterstützung. Die Umsätze waren in den vergangenen 2 Quartalen rückläufig und Mitte des 3. Quartals war auch schon klar, dass die Vorgaben verfehlt werden würden. Die Fragestellung lautete also, Wie erhöhen wir in den verbleibenden Monaten des laufenden Geschäftsjahres unseren Umsatz?

Der Ablauf

1. Die ursprüngliche Fragestellung „Wie erhöhen wir in dem verbleibenden Geschäftsjahr unseren Umsatz?“ wird ins Negative umgedreht. In diesem Fall lautet die neue Aufgabenstellung: „Was müssen wir tun, damit der Umsatz weiter zurückgeht?“:

2. Jeder Teilnehmer ruft dem Moderator seine Ideen zu, die dieser unkommentiert aufschreibt. Der Moderator sollte unter Umständen die Teilnehmer auffordern, bei ihren Ideen ins Detail zu gehen. Hier einige Beispiele, die in dem Workshop genannt wurden:

  • noch weniger Abstimmung zwischen Account Management und Consulting
  • höhere Tagessätze
  • für Kunden und Interessenten telefonisch nicht erreichbar sein
  • auf E-Mail-Anfragen nicht reagieren
  • keine Werbung in sozialen Netzwerken
  • genervt auf Kundenanfragen reagieren
  • zusagen gegenüber Kunden machen, ohne interne Abstimmung der Ressourcen

3. Auch wenn der Denkprozess nach einigen Minuten ins Stocken kommt, sollte er durch aktives Nachfragen des Moderators am Laufen gehalten werden und zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten in Anspruch nehmen.

4. Bewertung. Die Bewertungsphase findet in zwei Schritten statt.

  • Bestimmen Sie die IST-Situation und besprechen Sie alle gesammelten Punkte mit der Fragestellung: „ Welche dieser Punkte aus der Negativsammlung haben sich bereits bei uns etabliert?“. Durch diese Frage richtet sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf all die negativen Dinge, die Umsätze verhindern und die sich bereits ins Tagesgeschäft eingeschlichen haben, ohne dass dies bewusst wahrgenommen wurde.
  • Nach der IST-Situation wird die SOLL-Situation eingeführt. Hier werden die gesammelten Negativargumente in positive Argumente umgewandelt. So wird zum Beispiel aus dem Punkt „Für Kunden und Interessenten telefonisch nicht erreichbar sein“ im Umkehrschluss „Die Abteilung ist innerhalb der Kernarbeitszeit durch Schaltung einer Rufumleitung jederzeit erreichbar“.

5. Im Folgenden werden für die SOLL-Situation Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt.

 

Abschließend nenne ich noch ein paar Punkte, die für diese Möglichkeit der Ideengewinnung sprechen:

  • Durch das Erkennen der eigenen Fehler entsteht ein selbstkritischer Aha-Effekt.
  • Durch die Suche nach negativen Punkten besteht kein Erfolgszwang und es entsteht kein Neid.
  • Das Gehirn nimmt Negatives schneller wahr als Positives und fördert so schneller Ergebnisse zu Tage.
  • Die Suche nach Negativem verbindet und dient der Teambildung.*
  • Diese Möglichkeit ist nahezu überall einsetzbar.

 

Probieren Sie es einfach mal aus. Ich freue mich über Ihre Rückmeldungen.

*Falls Sie mir nicht glauben, probieren Sie es mit einem einfachen Versuch aus. Wenn Sie auf Menschen treffen, die schlecht gelaunt sind, sagen Sie ihnen, wie gut es Ihnen geht und welche Erfolge Sie in den letzten Tagen hatten und beobachten Sie deren Reaktion. Ein andermal stimmen Sie in die schlechte Laune ein und beobachten auch hier die Reaktion.

 

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