FROHE WEIHNACHTEN UND EINEN GUTEN START INS NEUE JAHR

FROHE WEIHNACHTEN UND EINEN GUTEN START INS NEUE JAHR

Mit dieser kurzen Geschichte von Erich Kästner über das Glück bedanke ich mich bei Ihnen/dir für dieses ereignisreiche Jahr.

Ich wünsche Ihnen/dir und Ihren/deinen Angehörigen besinnliche Feiertage und einen Guten Start in das neue Jahr.

Das Märchen vom Glück

Siebzig war er gut und gern, der alte Mann, der mir in der verräucherten Kneipe gegenübersaß. Sein Schopf sah aus, als habe es darauf geschneit, und die Augen blitzten wie eine blankgefegte Eisbahn.

>>Oh, sind die Menschen dumm<<, sagte er. >>Das Glück ist ja schließlich keine Dauerwurst, von der man sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!<< >>Stimmt<< meinte ich, >>das Glück hat ganz und gar nichts Geräuchertes an sich. Obwohl…<< – >>Obwohl gerade Sie aussehen, als hinge bei Ihnen zu Hause der Schinken des Glücks im Rauchfang.<<

>>Ich bin eine Ausnahme<<, sagte er, >>ich bin nämlich der Mann, der einen Wunsch frei hat.<< Er blickte mir prüfend ins Gesicht, und dann erzählte er seine Geschichte. >>Das ist lange her<<, begann er und stützte den Kopf in beide Hände, >>sehr lange. Vierzig Jahre. Ich war noch jung und litt am Leben wie an einer geschwollenen Backe. Da setzte sich, als ich eines Mittags verbittert auf einer grünen Parkbank hockte, ein alter Mann neben mich und sagte beiläufig: >>Also gut. Wir haben es uns überlegt. Du hast drei Wünsche frei.< Ich starrte in meine Zeitung und tat, als hätte ich nichts gehört. >Wünsch dir, was du willst<, fuhr er fort, >die schönste Frau oder das meiste Geld oder den größten Schnurrbart – das ist deine Sache. Aber werde endlich glücklich! Deine Unzufriedenheit geht uns auf die Nerven.<

Er sah aus wie der Weihnachtsmann in Zivil. Weißer Vollbart, rote Apfelbacken, Augenbrauen wie aus Christbaumwatte. Gar nichts Verrücktes. Vielleicht ein bisschen zu gutmütig. Nachdem ich ihn eingehend betrachtet hatte, starrte ich wieder in meine Zeitung. >Obwohl es uns nichts angeht, was du mit deinen drei Wünschen machst<, sagte er, >wäre es natürlich kein Fehler, wenn du dir die Angelegenheit vorher genau überlegtest; denn drei Wünsche sind nicht vier Wünsche oder fünf, sondern drei.< Ich weiß nicht, ob Sie sich in meine Lage versetzten können. Ich saß auf einer Bank und haderte mit Gott und der Welt. In der Ferne klingelten die Straßenbahnen. Und neben mir saß dieser alte Quatschkopf!<<

>>Sie wurden wütend?<< >>Ich wurde wütend. Und als er sein weißwattiertes Großvatermündchen von neuem aufmachen wollte, stieß ich zornzitternd hervor: >Damit Sie alter Esel mich nicht länger duzen, nehme ich mir die Freiheit, meinen ersten und innigsten Wunsch auszusprechen – scheren Sie sich zum Teufel!< Das war nicht fein und höflich, aber ich konnte einfach nicht anders. Es hätte mich sonst zerrissen.<< >>Und?<< >>Was, und?<< >>War er weg?<< >>Ach so! – Natürlich war er weg! Wie fortgeweht. Ich guckte sogar unter die Bank. Aber dort war er auch nicht. Mir wurde ganz übel vor lauter Schreck. Die Sache mit den Wünschen schien zu stimmen! Und der erste Wunsch hatte sich bereits erfüllt! Du meine Güte! Und wenn er sich erfüllt hatte, dann war der gute, liebe, brave Großpapa, wer er nun auch sein mochte, nicht nur weg, nein, dann war er beim Teufel! Dann war er in der Hölle! >Sei nicht albern< sagte ich zu mir selber. >Die Hölle gibt es ja gar nicht und den Teufel auch nicht.< Aber die drei Wünsche, gab´s den die? Und trotzdem war der alte Mann, kaum hatte ich es gewünscht, verschwunden… Mir schlotterten die Knie. Was sollte ich machen? Der alte Mann musste wieder her. Das war ich ihm schuldig. Ich musste meinen zweiten Wunsch dransetzen, den zweiten von dreien, o ich Ochse! Oder sollte ich ihn lassen, wo er war? Mit seinem hübschen, roten Apfelbacken? Mir blieb keine Wahl. Ich schloss die Augen und flüsterte ängstlich: >Ich wünsche mir, dass der alte Mann wieder neben mir sitzt!<<<

>>Und?<< >>Was, und?<< >>War er wieder da?<< >>Ach so! – Natürlich war er wieder da! In der nämlichen Sekunde. Er saß wieder neben mir, als wäre er nie fortgewünscht gewesen. Das heißt, man sah´s ihm schon an, dass er irgendwo gewesen war, wo es verteufelt…, ich meine, wo es sehr heiß sein musste. O ja. Die buschigen, weißen Augenbrauen waren auch ein bisschen verbrannt. Und der schöne Vollbart hatte auch etwas gelitten. Er blickte mich vorwurfsvoll an. Dann zog er ein Bartbürstchen aus der Brusttasche, putzte Bart und Brauen und sagte gekränkt: >Hören Sie, junger Mann – fein war das nicht von Ihnen!< Ich stotterte eine Entschuldigung. Wie leid es mir täte. Ich hätte doch nicht an die drei Wünsche geglaubt. Und außerdem hätte ich immerhin versucht, den Schaden wiedergutzumachen. >Das ist richtig<, meinte er. >Es wurde aber auch höchste Zeit.< Dann lächelte er. Er lächelte so freundlich, dass mir die Tränen kamen.

>Nun habe Sie nur noch einen Wunsch frei<, sagte er, den dritten. Mit dem gehen Sie hoffentlich ein bisschen vorsichtiger um. Versprechen Sie mir das?< Ich nickte und schluckte. >Ja<, antwortete ich dann, >aber nur, wenn Sie mich wieder duzen.< Da musste er lachen. >Gut, mein Junge<, sagte er und gab mir die Hand. >Leb wohl. Sei nicht allzu unglücklich. Und gib auf deinen letzten Wunsch acht.< – >Ich verspreche es Ihnen<, erwiderte ich feierlich. Doch er war schon weg.<< >>Und?<< >>Was, und?<< >>Seitdem sind Sie glücklich?<< >>Ach so. – Glücklich?<<

Mein Nachbar stand auf, sah mich mit seinen blitzblanken Augen an und sagte: >>Den letzten Wunsch habe ich vierzig Jahre lang nicht angerührt. Manchmal war ich nahe dran. Aber nein. Wünsche sind nur gut, solange man sie noch vor sich hat. Leben Sie wohl.<<

Ich sah vom Fenster aus, wie er über die Straße ging. Die Schneeflocken umtanzten ihn. Und er hatte ganz vergessen, mir zu sagen, ob wenigstens er glücklich sei. Oder hatte er mir absichtlich nicht geantwortet? Das ist natürlich auch möglich.

 

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