Selbstkritik ist vergangenheits- oder zukunftsorientiert!

Selbstkritik ist vergangenheits- oder zukunftsorientiert!

Eine Beobachtung die ich in meiner Arbeit mit übermäßig selbstkritischen Menschen mache ist, dass die Selbstkritik zeitbezogen und abwertend beziehungsweise strafend stattfindet.

Der Zeitbezug der Selbstkritik liegt entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. In ganz wenigen Fällen ist der Zeitbezug der Selbstkritik der jetzige Augenblick.

Wieso habe ich das so gemacht?!

Die vergangenheitsorientierte Selbstkritik startet in der Regel mit einer Frage, die nach Gründen für ein, aus jetziger Sicht, fragwürdiges Verhalten sucht. Häufig bleiben Antworten auf ein „Wieso“ oder „Warum“ jedoch aus, was zu weiterem Grübeln anregt, welches im schlimmsten Fall in schlaflosen Nächten enden kann.

Findet sich eine stimmige Antwort, legt der geübte Selbstkritiker an dieser Stelle nach. Er bewertet sich und sein Verhalten mit „Das hätte ich besser machen können/müssen!“. Durch diese Bewertung werden jedoch die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen abgewertet. Es wird ein gedanklicher Kreislauf konstruiert, in dem der Selbstkritiker versucht, das Geschehene zu verändern. Da dies jedoch nicht klappt, nehmen die Bewertung und die Kritik an der eigenen Person und den eigenen Fähigkeiten eher zu.

 

Zu dem Zeitpunkt war die Leistung/ das Verhalten stimmig.

Der Ausstieg aus diesem Gedankenkarussell ist banal und in der Ausführung dennoch schwer.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein selbstkritischer Mensch war gestern bei seinem Vorgesetzten, um mit ihm über eine Gehaltserhöhung zu verhandeln. Die Verhandlung ist nicht so ausgegangen, wie es sich der selbstkritische Mensch erhofft hat. Heute Morgen wacht er mit tollen Ideen und leider auch destruktiven Fragen auf:

  • Warum habe ich mich so und so verhalten? Ich hätte doch x oder y tun können!
  • Wieso habe ich nur dieses Argument gebracht? X oder y beschreiben das doch viel besser!
  • Und so weiter und so weiter…

Wenn das Wissen, welches jetzt zur Verfügung steht, an dem vergangenen Zeitpunkt bereits vorhanden gewesen wäre, hätte unser selbstkritischer Mensch dieses Wissen sicherlich auch abgerufen. Jedoch stand es in der Vergangenheit noch nicht zur Verfügung.

Um aus diesem Kreislauf auszusteigen ist die Erkenntnis hilfreich, dass die erbrachte Leistung oder das situative Verhalten in der vergangenen Situation die beste Option war, die zur Verfügung stand. Das Erkennen von weiteren Optionen hat erst in der Nachbetrachtung eingesetzt. Hieraus können nun für zukünftige, ähnliche Situationen Alternativen erarbeitet werden.

 

Das kann ich nicht!

Der zweite stark ausgeprägte Zeitbezug der Selbstkritik liegt in der Zukunft. Sätze wie:

  • Das kann ich nicht!
  • Das schaffe ich nicht!
  • Das ist viel zu schwer!

sind bezeichnend dafür. Die Wurzeln für die behindernde Selbstkritik in Bezug auf zukünftiges Handeln liegen hier im Vermeiden von Fehlern und einer damit einhergehenden Blamage.

Ein weiterer Faktor, der die Zukunft mit Selbstkritik überschattet ist das „Ich muss es besser mache – Phänomen“. Bei genauerem Nachfragen stelle ich bei meinen Klienten fest, dass es (noch) keine Alternative gibt, um es besser, oder einfach nur anders zu machen. Es wird einfach davon ausgegangen, dass es beim nächsten Mal besser wird. Oder es gibt eine 110-prozentige Vorstellung, wie etwas zu laufen hat. Leider gibt es in dieser Vorstellung keinen Raum für unvorhergesehene Vorkommnisse, wodurch diese auch nur bedingt brauchbar ist.

Wenn ich jedoch ein mögliches Scheitern als Option mit einbeziehe, verringert dies die Angst vor eventuell auftretenden Fehlern ungemein. Mehr dazu finden Sie hier: Wenn ich mir bewusst vornehme zu versagen und das auch mache, inwieweit habe ich dann versagt?

 

 

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