Ich will mir verzeihen!

Menschen lassen sich aus den verschiedensten Gründen auf Paarbeziehungen ein. Die wohl wichtigsten Gründe sind, dass wir nicht zum Alleinsein geschaffen sind und daher die Nähe anderer suchen, oder der Wunsch eine Familie zu gründen.

Niemand kann zu Beginn einer Beziehung wissen, wie sich diese entwickelt, welche Täler gemeinsam durchschritten werden oder welche Höhen erklommen werden.

Am Ende einer Beziehung mit vielen Tälern steht häufig das Thema „Verzeihen„, entweder dem/der Ex oder sich selbst.

Eine Karriere als Kofferträger!

Ich will an dieser Stelle klarstellen, dass das Verzeihen des Verhaltens eines/r EX nicht bedeutet, dieses gut zu heißen (Lesen Sie hierzu auch Das ist unverzeihlich!). In vielen Beratungen habe ich beobachtet, dass Lossagen von Vergangenem durch

  • einen Schlussstrich ziehen
  • Aussöhnen
  • Akzeptanz
  • oder ähnliches

im Vergleich zu der Alternative weitaus angenehmer ist.

Durch die erlittenen Kränkungen und Demütigungen entstehen häufig Wut und Rachegedanken, die für eine ständige Präsenz des Vergangenen sorgen. Das Erlebte wird nachgetragen.

Das Positive am Nachtragen ist: Wer dazu tendiert anderen Menschen die Vergangenheit nachzutragen, verfügt über die fachliche Kompetenz, eine Karriere als Kofferträger anzustreben.

Sich selbst verzeihen!

Eigentlich ist „Sich selbst verzeihen“ das Hauptthema dieses Beitrags. Es erschien mir jedoch wichtig, etwas weiter auszuholen.

Sich selbst verzeihen stellt viele Menschen vor eine große Herausforderung, welche sich manchmal einfach auflösen lässt, wie das nachfolgende Beispiel aus meiner Beratungspraxis zeigt.

Eine Kundin rief mich an, um kurzfristig einen Termin zu vereinbaren. Wie es der Zufall wollte, gab es die Möglichkeit, schon für den nächsten Tag einen Termin zu vereinbaren.

Ich kannte die Kundin bereits, so dass wir direkt ohne Vorgespräch beginnen konnten.

Die Kundin sagte mir, dass ihr Mann im letzten Jahr unheilbar an Krebs erkrankt sei und die ihm noch verbleibende Zeit überschaubar ist.

Ihr Wunsch für die Zusammenarbeit mit mir war, mit sich selbst Frieden zu schließen und somit auch mit ihrem Mann.

Sie erzählte mir, dass ihr Mann in den 1960er Jahren von seinen Eltern weg wollte und deshalb mit ihr zusammenzog. Auch die Kinder wollte er, obwohl sich meine Kundin noch zu jung fühlte.

Ein sicheres Arbeitsverhältnis gab ihr Mann für eine berufliche Selbständigkeit auf. Zwei Mal meldete er mit selbständigen Unternehmungen Insolvenz an.

Vor der letzten Insolvenz brachte er seine Frau dazu, für einen hohen Kredit im sechsstelligen D-Mark Bereich zu unterzeichnen. Da dieser irgendwann nicht mehr bedient werden konnte, verlor die vierköpfige Familie ihr Haus.

Im weiteren Verlauf gab es innerhalb der Familie Streitigkeiten, die zu Kontaktabbrüchen zwischen den einzelnen Elternteilen und den Kindern und auch zwischen den Kindern führte.

Die Kundin fragte an mehreren Stellen, warum sie dies alles zuließ und warum sie nie für ihre Bedürfnisse oder für die ihrer Kinder eingestanden hat. Sie fragte sich auch, weshalb sie nach über 50 Jahren Ehe noch bei Ihrem Mann blieb.

Was tun?

Der Kundin war klar, dass sie ihren Mann nicht alleine mit seiner Krankheit lassen würde. Jedoch wünschte sie sich mehr Autonomie, um sich mehr um sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Auch war es ihr Wunsch, in ihrem Alter von 76 Jahren „noch ein paar ruhige Jährchen“ für sich zu haben.

Die Art wie die Kundin ihre Situation betrachtete war vergangenheitsorientiert. Der Blick war auf all die Entbehrungen, Verletzungen und Kränkungen gerichtet. Ihr Wunsch wurde von dem Vergangenen überdeckt. Sie war so stark auf den Mangel fixiert, dass ihr ihre Fähigkeiten gar nicht auffielen.

In solchen Situationen kann es hilfreich sein, dem Geschehenen eine neue Bedeutung zu verleihen (Lesen Sie hierzu auch Und was ist wenn es anders sein könnte?).

Ich lud die Kundin ein, die vergangenen fünf Jahrzehnte aus der Sicht einer Königin zu betrachten, die ihr Königreich verteidigt. Als Serienjunkie bediente ich mich hier ganz freizügig bei der Fernsehserie Games of Throns.

Durch diese kleine Veränderung kamen der Kundin Ideen wie:

  • Es war eine Überlebensstrategie.
  • Ich bin bei meinem Mann geblieben, um zu lernen und mich zu entfalten.
  • Ich habe es zum Wohl unserer Kinder getan.
  • Ich bin eine kraftvolle Frau.

Der letzte Gedanke brachte meine Kundin dazu, aus ihrem Sessel aufzuspringen und mich zu herzen, dass mir die Luft weg blieb.

Manchmal sind es kleine Impulse die dazu führen, das eigene Leben in die gewünschten Bahnen zu lenken.

Souveränität ist lernbar!

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